< zurück

Das Neubauer Kino wurde 1910 von Therese Putschögl, geborene Szamer, gegründet, die auch die Lizenz hielt. Thomas Jelinek verweist in Die Wiener Kinos, Bd. 2, 2022, S. 189, darauf hin, dass sich das Kino in einem neuen Wohnhaus befand, dessen Inhaber Jacques Wassermann auch Inhaber der Räume des Kinos blieb und diese an Szamer nur verpachtete).
Szamer, ab 1914 verheiratete Putschögl, war eine Schwester der renommierten Kinopionierin Irma Handl und hatte zwei Jahre lang das wesentlich kleinere Kinematographentheater in der nahen Neustiftgasse 39 geleitet, ehe sie nun die Chance auf einen etwas größeren Betrieb wahrnahm und die Lizenz vom alten Standort auf den neuen transferierte.
Das kleine Bezirkskino (20,3 x 5,27 m) an der Ecke von Lerchenfelder Straße 75 und Zieglergasse 98, das Putschögl ab 1914 gemeinsam mit ihrem Mann Karl führte, fasste spätestens ab 1914 176 Personen (zehn Sitzreihen à neun Personen, Sessel). Zwei Jahre nach dessen Eröffnung verringerte sich die Anzahl sogar um zwei Plätze (11 Sitzreihen à 8 Personen, Klappstühle) – Putschögl hatte zwar um eine ganze Sitzreihe mehr angesucht, ihr Ansuchen war jedoch aufgrund einer zu engen Entfernung der Sitzreihen behördlich abgelehnt worden.

Putschögl führte das von ihr gegründete Kino knapp neun Jahre lang, ehe sie es neuerlich an eine Frau übergab: Am 3. Jänner 1919 erhielt Adelheid Hofmeister (12., Meidlinger Hauptstraße 11) die Lizenz zur Bespielung des ebenerdigen „Neubauer Kinematografen-Theaters“, wie sich das Kino nun nannte. In einem späteren Schreiben an den Wiener Magistrat gab die unverheiratete Kinounternehmerin an, ihren Betrieb seit 15. Jänner 1919 zu führen.

Adelheid Hofmeister wurde am 24. Juli 1880 in Wien geboren, war katholisch und lebte mit ihrer Mutter, Marie Hofmeister, gemeinsamen im Haus Meidlinger Hauptstraße 11, dessen Miteigentümerin sie auch war. Die Hauseigentümerin führte den Betrieb mit vier weiteren Angestellten, unter ihnen der Liesinger Kinokollege Alfred Raps (* 13. Oktober 1884), der bereits ab Februar 1919 die Geschäftsführung übernahm. Hofmeister und Raps betrieben das Kino, das sich wohl ab 1925 Neubauer Kino nannte, bis auf kleinere Sicherheitsmängel in den folgenden Jahren anstandslos.

1927 wurde die Platzzahl mit 176 angegeben, wobei vier Plätze als Logensitze ausgewiesen wurden. Im selben Jahr wurde vom Wiener Magistrat darauf hingewiesen, dass sich durch die Neuregelungen des Jahres 1926 auch eine Veränderung der Brandschutzmaßnahmen ergab und ein Ausgang, der durch die Toilettenanlagen führte, wie es im Falle dieses Kleinkinos war, nicht mehr der neuen Vorgaben entsprach. Hofmeister führte ihrerseits an, dass sie bereits seit ihrer Übernahme acht Jahre zuvor ohne Erfolg um eine Verbesserung der Ausgangssituation bei den Hausbesitzern vorsprach.

Spätestens mit der Einführung des Tonfilms schlitterte Hofmeister in eine existenzielle Krise. In einem handschriftlichen Gesuch an den Wiener Magistrat bat die Kinounternehmerinnen daher um die Genehmigung, ihre Spieltage zu reduzieren. „Mein Geschäft weist seit einem Jahr einen so katastrophalen Rückgang“, hielt Hofmeister fest, „dass ich außerstande bin, den Betrieb auf der bisherigen Basis weiterzuführen. Da ich infolge meines kleinen Fassungsraumes (176 Sitzplätze) gar keine Möglichkeit habe, mit der immer drückender werdenden Konkurrenz auch nur einigermaßen Schritt zu halten, sehe ich mich leider gezwungen, meine Spielzeit einzuschränken und ersuche um die Bewilligung, von 15. August bis Ende September nur 4 Tage in der Woche […] spielen zu dürfen.“ Tatsächlich bewilligte der Magistrat angesichts der prekären Lage des Kleinkinos Hofmeisters Antrag.

Im September kam es zu einer Abmahnung, nachdem der im Kino beschäftigte Klavierspieler Hans Werner (18., Martinstraße 78/6) bei einer abendlichen Revision im Warteraum rauchend angetroffen wurde. Der am 18. August 1881 in Wien geborene Berufsmusiker wurde daraufhin angezeigt und zu einer Geldstrafe von 10 Schilling verpflichtet.

Im Februar 1931 legte Hofmeister spät ihren Antrag auf Umbau des Kinos in einen Tonfilmbetrieb vor. Für die Umbauarbeiten beauftragte sie den Wiener Stadtbaumeister Karl Lubowsky (14., Pereiragasse 28). Wenige Wochen später war es, nach einer Reihe baupolizeilicher Vorgaben, die im Zuge des Umbaus berücksichtigt werden mussten, endlich soweit, und das „Neubauer Tonkino“, aber dem Sommer wieder Neubauer Kino, konnte mit Georg Jacobys Annemarie mit Käthe Dorsch in der Titelrolle (D 1930) eröffnen.

NS-Jahre: ein „nazifizierter“ Betrieb
Adele Hofmeister blieb auch während des Krieges sowie weit über das Kriegsende hinaus Leiterin des Neubauer Kinos und konnte auch zu Beginn der ersten Welle des Kinosterbens noch auf ihr lokales Stammpublikum zählen. 1965 wurde das Kino nach 50 Jahren in weiblicher Leitung an die Neubauer Lichtspiele OHG übertragen. Neuer Geschäftsführer wurde, parallel zum von ihm ebenfalls geleiteten Bellaria Kino, Ernst Birkel von 1965 bis 1976. Von 1976 bis 1980 pachtete der damals erfolgreiche Action-Filmclub-Leiter Peter Spiegel den Betrieb von der OHG und stellte in den letzten vier Jahren den erfahrenen Filmhistoriker Herbert Holba als Geschäftsführer ein, um auch hier das Action-Konzept umzusetzen. Nachdem Holba auch das Döblinger Ideal-Kino als Action-Kino eröffnete, nannte man den Neubauer Standort in Action 1 um, während das Ideal Kino zum Action 2 wurde – und Holba schließlich auch das seit Langem nur noch als Dauerbaustelle bekannte Camera Kino in Währing als dritten Betrieb übernahm. 1980 schloss Birke das Kino nach 70 Jahren Spielbetrieb. Das Action-Konzept wurde – inklusive Filmclub – an das Admiral Kino übertragen, das von da an den Namen Action 1 vom nun geschlossenen Neubauer Kino übernahm. Diese schloss am 30. April 1980 als Action 1 mit G.A.S.S. von Roger Corman (USA 1970).

Aus dem Kino wurde danach in Möbelhaus, auch ein Pfandleihhaus. Heute erinnert nichts mehr an das kleine Bezirkskino.

Quellen und Links
Wiener Stadt- und Landesarchiv, M.Abt. 104, A11: 7. Neubauer-Kino
https://lerchenfelderstrasse.at/kinos-im-lerchenfeld/

< zurück